Terra Australis 12 - Tour Down Under, Teil 1

G'day,

auf zur letzten Runde fuer das Jahr 1999! Bevor wir uns wieder den Geschehnissen der letzten Wochen zuwenden werden, wollen wir unseren kleinen Exkurs in die sprachlichen Besonderheiten Australiens nicht vergessen. Da haetten wir heute das Wort "cuppa" (sprich kappa oder kappe) anzubieten, was eine Verballhornung von "cup of tea" ist. Mundfaul wie die Australier bekanntlich sind, wobei andere Englisch sprechende Voelker das ebenfalls tun, werden die ersten beiden Woerter zu "cup o'" verkuerzt, was dann ueber die Jahre zu "cuppa" wurde. Und da man frueher nach guter englischer Sitte sowieso nur Tee trank, konnte man den "tea" auch genauso gut weglassen. Wird man heutzutage zum "cuppa" eingeladen, so kann sich das auch auf eine Tasse Kaffee beziehen. Es ist ja auch eigentlich egal, ob das nun Tee oder Kaffee ist, schliesslich ist die Einladung als solche viel wichtiger.

Wie der eine oder andere sicherlich schon gehoert hat, hatte ich im November Besuch von meinen Eltern. Genauso wenig, wie ich vor ein wenig mehr als 10 Jahren daran dachte, je in Australien meine Doktorarbeit zu schreiben, hatten sie daran geglaubt, einmal dieses Land besuchen zu koennen. Nun war dieser Traum Wirklichkeit geworden. Vergessen wir nie, welche Freiheit wir vor 10 Jahren gewonnen haben.

Da ich beschlossen hatte, in diesem Jahr das Weihnachtsfest und den Jahreswechsel hier zu verbringen, war es auch fuer mich schoen, dass man sich noch einmal vor dem Jahresende sah. Wer meine Berichte kennt, wird wissen, dass ich hier nicht vor lauter Heimweh umkomme. Familie bleibt aber trotzdem Familie und so hatte ich mich schon sehr auf die vier Wochen gefreut.

Nach einem fuer Australienurlauber nicht unueblichen Beginn in Sydney mit den touristischen Programmpunkten Opernhaus, Harbour Bridge, Darling Harbour, Einschienenbahn, Fahrt mit einer Faehre ueber die Bucht von Sydney, Zoobesuch inklusive Foto neben einem Koala, Strandbesuch in Manly und, und, und, ging es zum auch fuer mich neuen Olympiagelaende an der Homebush Bay. Ehemals eine der groessten Muelldeponien Sydneys, befinden sich dort nun die meisten Sportanlagen fuer die Olympischen Spiele im naechsten Jahr. Schliesslich hatte Sydney das Recht, die Spiele im Jahr 2000 austragen zu duerfen, u.a. damit gewonnen, dass man zusammen mit Greenpeace Australia die Plaene fuer "gruene Olympische Spiele" entworfen hatte. Nur wenige Monate nach dem Zuschlag gingen viele der "gruenen" Ideen aus Kostengruenden wieder ueber Bord, aber was soll's man hatte das Rennen erstmal gewonnen und wer fragt spaeter schon so genau danach. Greenpeace fand dies nicht ganz so witzig und hat sich dann genauso schnell verabschiedet. Die Idee der Rekultivierung des Gelaendes an der Homebush Bay aber blieb.

Im Laufe dieses Jahres wurden nach und nach alle Sportstaetten fertig und in Betrieb genommen, waehrend an den Unterkuenften im Olympischen Dorf noch fleissig gewerkelt wird. Zentraler Punkt ist natuerlich das Olympiastadion - Stadium Australia - mit einer Kapazitaet von 110000 Zuschauern. Dort wurde im August auch der alte Weltekord fuer die Zuschaerzahl bei einem Rugbyspiel von zuvor 104000 Zuschauern gebrochen. Zu allem Ueberfluss schlugen die Australier die Kiwis auch noch vernichtend, welch eine Schmach fuer die stolze Rugbynation Neuseeland, wo die Kinder doch schon mit dem eifoermigen Ball in der Hand geboren werden!

Wie auch immer, eine Tour durch das Stadion kann ich sehr empfehlen, zumal das gute Stueck nach der Olympiade gleich wieder umgebaut werden wird. So soll dann die Zuschauerkapazitaet auf 80000 gesenkt werden, da man dann oefter mal eine volle Huette zu vermelden haette und das sieht einfach besser aus, als wenn da noch 20000 Sitze oder so frei sind. Ausserdem fliegt die Tartanbahn der Leichtathleten hinaus. Wen in Australien interessiert denn schon Leichtathletik... Ok, da haetten wir die zweimalige 400m-Weltmeisterin Cathy Freeman und vielleicht noch die Stabhochspringerin Emma Thompson, aber der Rest wird wirklich nur unter ferner liefen vermeldet. Immerhin will man die millionenteure superschnelle Anlage dann im derzeitigen Aufwaermstadion verlegen, dessen Olympiabelag ins derzeitige Trainingsstadion wandert. Wenn die Bahn verschwunden ist, kann man endlich auch Australian Rules Football und Kricket im Stadion spielen und fuer Rugby ist das Feld dann auch endlich gross genug. Da Rugby ein etwas groesseres Feld benoetigt als unser Fussball, lag waehrend der Saison ein Teil des Naturrollrasens einfach auf der niegelnagelneuen Tartanbahn, aber wen schert das schon. Last but not least werden die unteren Reihen der Laengstribuenen beweglich ausgeruestet, so dass man zum Rugby schoen dicht am rechteckigen Spielfeld sitzen kann, waehrend die Tribuenen fuer Australian Football und Kricket zurueckgezogen werden, um so ein schoenes Oval freizugeben.

Neben dem Hauptstadion gibt es natuerlich die diversen Stadien und Hallen fuer die anderen Sportarten, etwa das 20000 Zuschauer fassende Hallenstadion fuer die Basketballspiele, die 12000-Mann-Halle fuer das Turnen und die Anlagen fuer Baseball, Hockey, Bogenschiessen usw. Nicht zu vergessen die Schwimmhalle fuer 16000 Leute, schliesslich ist Schwimmen ein Nationalsportart. Die Schwimmhalle wurde zuenftig mit einer Reihe Weltrekorde in diesem Jahr eingeweiht. Die Australier haben einzig dafuer die Panpazifischen Schwimmspiele kreiert, bei denen gegen solche Schwimmnationen wie Japan, Korea, Papua-Neuguinea, Neuseeland und Ekuador angetreten wurde. Man sieht sich ja so gerne selbst gewinnen. Wir sind die Groessten! Konkurrenz kam hoechstens vom US-Team, wobei die aber auch nur mit ihrer zweiten Garnitur angetreten waren. Um die Laecherlichkeit dieser "internationalen" Veranstaltung vollkommen zu machen, wurde auch noch der "Schwimmriese" Suedafrika eingeladen. Wie gesagt, Panpazifische Schwimmspiele!

Australien als zahlenmaessig kleine Nation auf grossem Kontinent leidet haeufig an Minderwertigkeitskomplexen. Wenn es dann einmal im Sport so gut laeuft, wie in diesem Jahr, in dem man mehrere Weltmeisterschaften erringen konnte, dann schlaegt das immer schnell in voellige Selbstueberschaetzung um. Ja, wir sind die Groessten! Dass bei den Titeln solch interessante Weltsportarten wie Netzball (eine Art Basketball ohne Brett hinter dem Korb), Wellenreiten und Fliegenfischen dabei waren, nimmt kaum einer war. Ja selbst vom Kricket oder Rugby kann man wohl kaum behaupten, dass es in mehr als einer handvoll Laender ernsthaft betrieben wird. In Relation gesehen, ist das etwa so, als ob Deutschland voellig aus dem Haeuschen geraet, weil im Bobfahren mal wieder jemand gewonnen hat. Alles ja ganz schoen und gut, aber weltweit interessiert das doch keine Sau. Das will man hier nicht so recht wahrhaben. Ernsthaft gesehen, bleiben nur die Schwimm- und Tenniserfolge uebrig. Aber Hauptsache wir sind die Groessten!

Wie auch immer, wer ein Olympia der kurzen Wege wuenscht, sollte sich in einem der beiden Hotels im Zentrum der Anlage einquartieren. Alle Anlagen im Komplex Homebush Bay sind von dort innerhalb von 5min zu Fuss zu erreichen. Ich fuerchte aber, dass man da keine Plaetze mehr bekommen wird. Wer noch Tickets sucht, dem sei die Mitgliedschaft im Stadium Australia-Club zu empfehlen: je nach Platin-, Gold- oder anderer Karte gibt's fuer alle Veranstaltungen im Stadion fuer die naechsten 22 Jahre zwei oder einen Sitzplatz inklusive Service zwischendurch! Der Spass faengt bei A$6000 an (wobei diese Kategorie nicht zur Olympiade berechtigt) und geht bis A$30000. Hoert sich erstmal viel an, aber wenn man das auf 22 Jahre umlegt und haeufig zu den Veranstaltungen geht, dann ist das gar nicht einmal soviel.

Die Olympischen Spiele Sydney 2000 sind seit Monaten in den Schlagzeilen der australischen Medien. Man schiesst da ein Eigentor nach dem anderen. Erst fing es mit dem IOC-Bestechungsskandal an, in den auch eines der beiden hiesigen Mitglieder verwickelt war und man sich fragte, was Sydney denn geboten hatte, um den Zuschlag zu bekommen. (Offiziell heisst es immer noch nichts.) Dann kam das "Ticket-Fiasko" dazu. Um einen moeglichst fairen Zugang zu den Tickets zu gewaehrleisten, wurden alle Bestellungen fuer die erste Runde gesammelt und dann wurden diese per Computer "zufaellig" sortiert und die Wuensche der Reihe nach abgearbeitet, bis keine Tickets mehr da waren. Das Problem lag nun darin, dass auch zwei Wochen nach dieser ersten Zuteilung noch nicht alle Interessenten Bescheid bekommen hatten, welche Tickets sie denn nun erhalten wuerden, gleichzeitig aber schon die zweite Runde auf der Basis "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." begonnen hatte. Also Kommando zurueck und auch die zweite Runde im Lotterieverfahren.

Ich selbst kann mich nicht beklagen, da ich ungefaehr 60% der Karten bekommen habe, die ich gerne haben wollte. Insbesondere bei der Leichtathletik hat das gut geklappt. Andere, die als einzige Wuensche die Eroeffnungs- oder Abschlussveranstaltung und dann vielleicht noch Schwimmen angegeben hatten, schauten erwartungsgemaess in die Roehre. Wie eine Bombe schlug da die Meldung ein, dass beim Run auf die Tickets, wo alle die gleichen Chancen haben sollten, doch einige "gleicher" waren als die anderen. Fuer den drei- bis vierfachen Preis wurden Eintrittskarten zu den Topfinals der beliebtesten Sportarten an reiche Persoenlichkeiten und grosse Firmen verkauft, wobei keiner so genau zu sagen wusste, nach welchen Kriterien man zu diesem elitaeren Club dazugehoeren wuerde. Nun ist es nicht verwerflich, wenn das Organisationskommittee SOCOG mit allen Mitteln versucht, das A$150Mio-Loch zu schliessen und sei es durch den Verkauf von sogenannten Premiumtickets. Was die Oeffentlichkeit auf die Palme brachte, war die Tatsache, dass dies unter der Hand vor sich ging, so als ob sich SOCOG schaemte und dass selbst Leute, die das noetige Kleingeld gehabt haetten, nicht an diese Tickets kamen, weil sie nicht zum Kreis der Erwaehlten gehoerten und somit nicht einmal eine Chance darauf hatten.

Im Laufe der Untersuchungen wurden schliesslich die Mengen bekannt, die tatsaechlich an die australische Oeffentlichkeit gegangen waren: 10% der Tickets fuer Eroeffnungs- und Abschlusszeremonie, 20% bei der Leichtathletik, 10% beim Schwimmen (bei den Finals nur 5%), 5% beim Turnen, 10% bem Basketball usw. Grob gesagt, geht die doppelte Anzahl an die Weltoeffentlichkeit und der Rest geht an Sponsoren, Funktionaere, Verbaende usw. Das haette eigentlich keinen ueberraschen sollen, tat es dann aber doch, weil man die australische Oeffentlichkeit darueber so lange wie moeglich im Dunkeln liess.

Einen Schuldigen hatte man schnell im SOCOG gefunden, er wurde gefeuert und die anderen sassen weiter fest im Sattel. Kaum hatte sich der Sturm der Empoerung gelegt, als die ersten Sponsoren von ihren Vertraegen zuruecktraten: Reebok Australien als Generalausruester aller Offiziellen und des australischen Teams dachte, sie koennten nach den Querelen den Preis druecken. Ausserdem passte es ihnen nicht, dass die Sportler Huete eines anderen Herstellers tragen durften, auf denen nur das australische Staatswappen gestickt war, noch nicht einmal das Markenzeichen des Herstellers. Die Strategie ging nicht so auf, man flog raus und Nike lachte sich ins Faeustchen und ist nun Generalausruester. Andere Sponsoren haben ihr Engagement erstmal auf Eis gelegt und versuchen ebenfalls, einen Rabatt herauszuschlagen, was ihnen aber wohl kaum gelingen wird. Wenn's dann erstmal wirklich zur Olympiade geht, ist sowieso wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Von Sydney ging es mit uns erstmal fuer ein paar Tage nach Canberra, unser einer musste schliesslich noch arbeiten und auch hier gibt es so einiges zu erkunden, aber davon habe ich schon oft berichtet. Im Anschluss ging es fuer 16 Tage auf grosse Rundreise durch den Suedosten Australiens. Wer diese Tour macht, lernt einen Grossteil der vielfaeltigen australischen Landschaft und Natur in vergleichsweise kurzer Zeit kennen, auch wenn es natuerlich weitaus mehr zu sehen gaebe. Im Schnelldurchlauf beschrieben, fuehrt die Rundreise von Canberra oder Sydney kommend westwaerts ueber Dubbo zur Outbackstadt Broken Hill, von dort nach Adelaide, von wo aus sich Abstecher nach Kangaroo Island und ins Barossa Valley anbieten, und von Adelaide zurueck entlang der Kueste, so dass man die Grampians, die Great Ocean Road, Melbourne, Philip Island und die malerische Suedostkueste erlebt. Wer sich dafuer drei Wochen Zeit laesst, kriegt viel zu sehen. Man kann es aber auch in gut zwei Wochen machen, wie ich nun beschreiben werde.

1.Tag: Die Strecke von Canberra nach Dubbo ueber verschlafene Kleinstaedte wie Cowra (huebscher japanischer Garten), die Apfelstadt Orange und Wellington hatte ich schon im Terra Australis-Bericht Nummer 8 beschrieben, so dass ich mir das hier verklemmen kann. Wir versuchten uns an einem Abstecher zum Mt Canobolas in der Naehe von Orange, der ein erloschener Vulkan mit Waeldern auf den Flanken und einem See im Krater ist. Versuch ist das richtige Wort, nach einer einstuendigen Rundfahrt UM den Berg und in die australische Pampa gaben wir auf. Wie sich dann in Orange herausstellte, fuehrte der einzige Weg vom Ort aus hinauf, aber dann hatten wir darauf keine Lust mehr.

Dubbo liegt als Station auf laengeren Strecken guenstig, da es an einem Knotenpunkt von Ost-West- und Nord-Sued-Strassen liegt. Die JH ist durchschnittlich, was hauptsaechlich aber an den Herbergseltern liegt, die etwas lahmarschig und schmuddelig waren. Das Haus ist sonst ok. Gaebe es in Dubbo nicht den Western Plains Zoo, koennte man aus der Stadt auch gleich wieder verschwinden, denn der alte Knast direkt im Stadtzentrum zieht nun auch nicht gerade die Besuchermassen an. Der Zoo ist eine Mischung aus Zoo und Safaripark, wo die Tiere wenn auch nicht frei herumlaufen koennen, so doch in sehr weitlaeufigen Anlagen leben, die mit sehr viel Aufwand ihrem natuerlichen Habitat nachempfunden wurden. Fuer Fruehaufsteher gibt's um 6.45Uhr die Fruehstueckstour, die vor Oeffnung des Zoos mit erfahrenen Fuehrern auch mal hinter die Gehege, aeh, Kulissen schaut. Da der Zoo in einigen Zuchtprogrammen, z.B. beim Riesennashorn, mitarbeitet, ist das hoechst interessant, da man Tiere zu sehen bekommt, die sonst der Oeffentlichkeit vorenthalten werden. Und wer das morgendliche Spektakel der Bruellaffen verpasst, dem ist nicht zu helfen! Dass sogar Leute aus Deutschland dorthingekommen waren, um sich den Zoo anzuschauen, fanden viele Teilnehmer und Fuehrer der Morgentour ja hoechst interessant und schwuppdiwupp waren wir Thema Nr.1 beim anschliessenden Fruehstueck im Zoo. Aber so sind sie eben, die Australier.

2.Tag: Von Dubbo ging es immer westwaerts ins Landesinnere, das Outback, nach Broken Hill. Im Outback gibt es nur wenige aspaltierte Strassen, wozu auch, bei dem wenigen Verkehr. Ausserdem erleichtert es die Wahl des Weges ungemein. 750km in einem Rutsch sind eigentlich nicht soviel, aber wenn man das alles auf normalen Landstrassen zuruecklegen muss und noch die eine oder andere Rast einlegt, dann wird daraus schon einmal schnell ein episches Werk. Zum Glueck gibt es unterwegs nicht viele Ortschaften, so dass man immer mit 110km/h fahren kann. Vorbei an den weiten, flachen Feldern westlich von Dubbo und durch den Bewaesserungsguertel entlang des Darling River, vorbei an der trockenen, roten Erde und den graugruenen Bueschen in der Einoede, wo ausser Insekten und Reptilien nicht viel zu leben scheint. Vorbei an ausgetrockneten Flussbetten, die bei den kurzen, aber heftigen Regenfaellen in Minutenschnelle auf ein bis zwei Meter anschwellen koennen, bevor das kostbare Nass wieder im Boden versickert. Vorbei an den bis zum Horizont reichenden flachen Grasebenen mit freilebenden Emu-Herden.

Viel Abwechslung bietet sich dem Fahrer nicht, zumal auch die Strasse schon mal fuer 50 oder 60km schnurgerade verlaeuft. Getreu der alten mathematischen Weisheit, dass die kuerzeste Strecke zwischen zwei Punkten immer noch eine Gerade ist. Es verwundert daher kaum, dass die meisten Verkehrsunfaelle auf Grund von eingeschlafenen Fahrern passieren. So langweilig dieser Teil klingen mag, er ist ein Erlebnis fuer sich, zumindest fuer uns Europaer, die das so nicht kennen. Wer aus dem Suedwesten der USA kommt, wird sich eher sehr daheim fuehlen, auch wenn die Kakteen fehlen. Arizona laesst gruessen! Und fuer die kleinen Landstaedtchen, die man alle 250km findet, gilt auch der Spruch: Lebendig begraben!

Vor Broken Hill passiert man die Grenze zu fruchtfliegenfreien Zone, d.h. man darf kein Obst mitbringen, da man sonst die Fliegen einschleppen koennte. Gibt es woanders direkte "Grenzkontrollen", so erledigt das vor Broken Hill die Polizei mit Stichkontrollen. Sonntagabend um 19 Uhr hatte die aber auch keine Lust mehr und so konnten wir die unsichtbare Grenze ungehindert passieren.

Wenn man Broken Hill sieht, fragt man sich als erstes, warum in Gottes Namen 23000 Menschen in dieser trostlosen Einoede leben moegen. Auch wenn in Broken Hill nicht alles Gold ist, was glaenzt, so zumindest Silber, Zink und Blei. Und damit haetten wir des Raetsels Loesung! Als zur Zeit des Goldrauschs um 1860 die Goldgraeber in immer entferntere Gebiete drangen, fanden sie zuerst 25km entfernt vom spaeteren Broken Hill Silber. Flugs wurde dort eine neue Stadt gegruendet, die den schoenen Namen Silverton, also Silberstadt, erhielt. Innerhalb kuerzester Zeit boomte die Stadt und wuchs bis auf 10000 Einwohner, doch nach nur sieben Jahren war die Silberader mehr oder weniger komplett erschlossen und die Bergarbeiter zogen ins neue Zentrum Broken Hill. Wenn man die Geisterstadt Silverton heutzutage sieht, mag man sich kaum vorstellen, dass dort einmal das Leben pulsierte, es Strassenbahnen und Verkehr, Hotels und Pubs gab. Die wenigen Haeuser, die heute noch in Silverton zu finden sind, wurden schon mehrfach als Filmkulisse genutzt, u.a. fuer "Ned Kellie" mit Mick Jagger in der Hauptrolle oder "Mad Max II". Ansonsten lebt der Ort vom Tourismus.

In Broken Hill spielt der Bergbau auch heute noch die dominierende Rolle in der Stadt, auch wenn es mit dem Geschaeft in den letzten 10 Jahren bergab ging. Die Stadt erhielt ihren Namen vom Berg, in dem das Erz gefunden wurde, und dieser Berg besass in der Mitte einen Knick und sah daher wie ein "zerbrochener Berg" aus. Wer den Berg heutzutage sucht, wird nicht viel Glueck haben: Seit man 1880 mit dem Abbau der Erzader, der sogenannten "Line of Lode", begonnen hatte, hat man den Abraum gleich dort zurueckgelassen, wo er nicht mehr stoerte und das waren die Haenge des Berges. Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Berg so erst teilweise unterhoehlt, dann spaeter im Tagebau abgebaut und gleichzeitig durch die Abraumhalde zugeschuettet. Wenn soviel Geld im Spiel ist, dann spielt Aesthetik wohl eine sehr untergeordnete Rolle, erst recht vor mehr als 100 Jahren. Besonders huebsch sieht es nicht aus, aber so ist das wohl in vielen Bergbaustaedten.

Durch diesen stadtplanerischen Schachzug erhebt sich nun im Zentrum der Stadt eine riesige Abraumhalde. Oder die Stadt hat sich darum herum angesiedelt, wobei die Gaenge der Gruben bis unter die Wohnsiedlungen geht. Hoffen wir mal, dass die 400m Gestein darueber noch eine Weile halten. Da die zentralen Gruben ihre Produktion in den letzten zehn Jahren fast alle stillgelegt haben, kann man die Abraumhalde heutzutage hinaufwandern und die Aussicht geniessen. Um die Schoenheit von Broken Hill komplett zu machen, sieht man von dort oben einen Ring von weiteren Schaechten und Gruben und ihren Abraumhalden rund um die Stadt. Dahinter erstreckt sich die australische Einoede.

Absolut empfehlenswert ist ein Besuch im gerade im Aufbau befindlichen Bergbaumuseum "Line of Lode". Auf dem Gelaende der ersten Grube Broken Hills wird eine Art Freilichtmuseum erstellt, dass die Geschichte des Bergbaus in Broken Hill mit Hilfe der reichlich vorhandenen Fundstuecke erklaert: Vom Erste-Hilfe-Raum mit Wasserspritze zur Ohrreinigung ueber vorsintflutliche Atemgeraete fuer Rettungsmannschaften, dem kompletten Archiv der Gehaltslisten und Betriebszeitungen, dem Kartenraum, den technischen Anlagen samt Foerdertuermen und Erzmuehle bis zu den Erzbrocken auf der Abraumhalde. Alles da und die alten Besitzer waren froh, dass sie sich darum nicht mehr kuemmern mussten. Fuer alle, die zu faul sind, die Abraumhalde zu Fuss zu erklimmen, bietet sich hier auch die einmalige Gelegenheit sich mit einem uralten Betriebsbus hochkutschieren zu lassen. Nicht unbedingt bequem, aber bevor man ins Schwitzen geraet alle mal besser. In die alten Stollen kann man aus Sicherheitsgruenden derzeit nicht gehen. Wen es aber trotzdem unter die Erde zieht, der findet in den umliegenden Bergwerken genuegend Gelegenheit, dieser Art von Tourismus zu froenen. Noch ein Fakt fuer alle Trivia-Freunde: Eine der groessten und bekanntesten australischen Aktiengesellschaften stammt aus Broken Hill: BHP oder ausgesprochen Broken Hill Proprietary. Wer also das naechste Mal sein Geld statt ins Casino lieber an die Boerse tragen will, der kann ja mal auf Australien und BHP setzen. Wie bei vielen anderen Bergbau- und Stahlfirmen weltweit sind die Zeiten aber nicht so rosig im Moment, so dass das wohl eher ein Langzeitinvestment waere.

3.Tag: All das klingt vielleicht nicht besonders berauschend, doch hat Broken Hill auch ein anderes, ein zweites Gesicht. Die Stadt hat sich zu einem der beruehmtesten Zentren des australischen Kunstmarkts entwickelt. An die 20 Galerien bieten Bilder feil und an Silberschmuck und Opalen darf es natuerlich auch nicht fehlen. Da sollte sich doch etwas fuer jeden Geschmack finden lassen. Die Preise rangieren dabei von erstaunlich preiswert bis nahezu unerschwinglich, also fuer jeden Geldbeutel etwas dabei. Wenn man einen der seltenen Tage miesen Wetters erwischt, sowie wie wir, als es nur 14C waren - eine Woche spaeter waren es wieder die normalen 38 Grad - kann man sich ohne Probleme die Zeit in den Galerien oder den endlos interessanten Mineraliensammlungen vertreiben.

Einen Besuch wert ist die "School of the Air", die Schule per Funk fuer die Kinder im Outback. Vom Kindergarten-/Vorschulalter an bis zur kompletten sechsjaehrigen Grundschule werden die Schueler dort unterrichtet. Jeden Morgen in der Woche kann man als Tourist bei der ersten Lehrstunde des Tages dabei sein, wenn der Lehrer zunaechst die Anwesenheit feststellt, die neuesten Meldungen verliest (z.B. Streik der Lehrer war eine Nachricht waehrend unseres Besuchs) und danach der Unterricht beginnt. Dabei hat jeder Schueler nur dreimal in der Woche eine "Funkstunde", weil bei so vielen Klassenstufen und verschiedenen Faechern nicht viel Zeit auf der Schulfrequenz bleibt. Den Rest der Zeit werden die Kinder von ihren Eltern, meistens den Muettern, oder einer Gouvernante unterrichtet. Dabei passt die Schule den Stundenplan durchaus dem Leben auf der Farm an. Wenn z.B. die Schafschur ansteht, wird der Unterricht schon einmal minimiert, weil auf den Farmen dann jede Hand gebraucht wird.

Was ich am meisten bewunderte, war die Faehigkeit der Lehrer, mit den Kindern mehr oder weniger normal zu kommunizieren. Das klingt auf den ersten Blick nicht ueberraschend, aber wenn man die hundsmiserable Qualitaet der Funkuebertragungen einmal selbst miterlebt hat, dann fragt man sich schon, wie die da ueberhaupt etwas verstehen koennen. Bei den "nahegelegenen" Stationen, d.h. bis 100km entfernt, ging es noch ganz gut, aber bei den weiter entfernt gelegenen Farmen war es manchmal nur ein Pfeifen und Rauschen mit einer sachten Stimme im Hintergrund. Ausserdem ist es logischerweise Einwegverkehr beim Funken, d.h. wenn einer spricht, kann er nichts von den anderen hoeren. Da hat der Lehrer folglich keine Chance zwischen durch einmal zu korrigieren, weil der Schueler ihn sowieso nicht hoeren wuerde. Nun versuche mal einer mit diesen Mitteln einem Kind das Lesen beizubringen! Dazu dann noch die muntere Art aller kleinen Kinder, alle gleichzeitig sprechen zu wollen. Also wirklich Hut ab vor den Lehrern!

Im Jahr 2000 werden neue Satellitentelefone die alten Funkanlagen abloesen, wodurch sich zum einen die Uebertragungsqualitaet erheblich verbessert und zum anderen in einer Art Gemeinschaftskonferenz mehrere Leute gleichzeitg sprechen koennen, so dass zum ersten Mal wirklich eine Art Klassenraumatmosphaere entsteht. Viel wird aber weiterhin von den Eltern abhaengen, doch haben die Schueler dann auch die Moeglichkeit, Computer von der Schule auszuleihen und das Internet wie ihre Alterskollegen zu nutzen. Bisher erfolgt saemtliche Korrespondenz von Lehrbuechern bis zu Mitteilungen mit der Post oder in dringenden Faellen per Fax. Mit den neuen Verbindungen bieten sich da ganz andere Moeglichkeiten von der Unterrichtsgestaltung bis Videokonferenz.

Damit die Kinder trotz der weiten Entfernungen ein Zusammengehoerigkeitsgefuehl in der Klasse entwickeln, gibt es verschiedene Gelegenheiten im Jahr, wo alle Kinder und Eltern zusammenkommen, von Projekttagen ueder das auch hier lebendige Sportfest bis zum Weihnachtsfest. Ausserdem koennen Kinder, deren Eltern fuer eine Zeit lang Geschaefte in Broken Hill abwickeln, in dieser Zeit direkt in die Schule wie "normale" Kinder gehen. Ausserdem gehen die Lehrer auch mindestens einmal im Jahr auf Rundreise und klappern alle Farmstationen ab, sozusagen eine Art Hausbesuch. Interessant ist auch, dass die Regierung keinen Cent extra an die Schule zahlt und diese daher sehr stark auf Spenden angewiesen ist, um zu ueberleben. Selbst wenn neue Lehrplaene herauskommen, muss die Schule selbst zusehen, wie sie diese umarbeiten kann, um sie auf ihre Bedingungen abzustimmen. Ich kann es nur wiederholen, ich war zutiefst beindruckt von der Schule per Funk.

Letzte Hauptattraktion Broken Hills ist die Station der "Royal Flying Doctors". Richtig, die kennt man weltweit durch die gleichnamige Fernsehserie, wobei in der Realitaet natuerlich vieles anders aussieht. Das war auch einer der Gruende, warum die Serie im Ausland populaerer war als in Australien selbst. Nichtsdestotrotz steht vor der Station eines der Flugzeuge aus der Serie und die Besucherzahlen aus dem Ausland sind seit der Serie rapide gestiegen. Da der Service der fliegenden Aerzte komplett aus Spendengeldern bestritten wird, ist das keine unwesentliche Einnahmequelle.

Basierend auf den Buschhospitaelern der Australischen Binnenland- Mission gibt es den Flugservice seit 1928. Von 17 Basen aus wird praktisch das komplette Binnenland versorgt oder anders ausgedrueckt ca. 80% des Kontinents! Von Broken Hill aus allein wird ein Gebiet in New South Wales, South Australia und Queensland abgedeckt, das der Groesse Ostdeutschlands entspricht. Bei den riesigen Entfernungen im Outback, wo schon mal locker 100km Einoede zwischen den Farmstationen liegen koennen, ist der medizinische Service aus der Luft unentbehrlich. Bevor es die fliegenden Aerzte gab, konnte man im Falle einer schweren Krankheit oder eines schlimmen Unfalls nicht viel machen ausser erster Hilfe und Beten. Heutzutage garantiert der Service, innerhalb von zwei Stunden an jedem Ort sein zu koennen.

Geht ein Notruf an die Flugbasis, entscheidet der diensthabende Arzt, ob jemand von den FLying Doctors kommen muss oder ob die Sache von den Leuten auf der Farm alleine behandelt werden kann. Jede Farmstation besitzt einen Medikamentenkoffer, in dem jedes Medikament mit einer Nummer versehen ist, so dass der Arzt per Funk nur die Nummer durchgeben muss, um Verwechslungen zu vermeiden. Kann die Sache vor Ort behandelt werden, so fuehrt der Arzt den "Medizinmann" am anderen Ende der Verbindung Schritt fuer Schritt durch die Behandlung. Ansonsten wird eines der beiden staendig in Bereitschaft stehenden Flugzeuge angeschmissen und innerhalb von zwei Minuten ist der Retter in der Luft. Vom Flugzeug aus werden Anweisungen zur ersten Hilfe gegeben und der Arzt befindet sich auch weiterhin im Dienst, d.h. alle weiteren eingehenden Notrufe werden zu ihm weitergeleitet. Also nichts mit einem schoenen Rundflug vor der Arbeit! Haeufig fliegt jedoch auch nur eine ausgebildete Notfallkrankenschwester mit, die vor Ort alleine oder auf Anweisung per Funk behandelt. Jeder Farmstation hat ihre eigene kleine Landepiste aus Sand oder Gras, wobei die Flugzeuge so konstruiert wurden, dass sie mit extrem kurzen Bahnen auskommen. Bei Nacht ersetzen dann schon mal Fackeln die Leuchtfeuer normaler Flugpisten. Klingt romantisch, ist es aber weiss Gott nicht, aber Hauptsache es funktioniert. Notfalls wird auch einfach auf einer Strasse gelandet.

Neben den akuten Notfaellen gilt ein Hauptaugenmerk der vorsorglichen Behandlung. Daher fliegt pro Woche ein Spezialist mit und klappert alle Stationen im Outback ab. Das ist in der einen Woche der Zahnarzt, der dann haeufig im Freien auf dem mitgeflogenen Stuhl behandelt, in der naechsten Woche der Kinderarzt usw. Einmal in der Woche ist also auf jeder Farmstation Arzttag und dann koennen alle Menschen aus der Umgebung sich behandeln lassen. Schwerwiegende Faelle werden in die Kliniken in den Grossstaedten geflogen.

Gut zu wissen, ist auf jeden Fall, dass der Service allen Menschen im Outback, also auch Touristen, zur Verfuegung steht. Sollte doch mal einer auf die (wahnwitzige?) Idee kommen, durch das Outback zu reisen, so kann er von jeder Farmstation per Funk seine medizinischen Probleme loswerden und Medikamente aus dem Koffer erhalten, so eine Art Rezept per Funk. Die Medikamentenkoffer sind so ziemlich das einzige, was die Landesregierungen bereitstellen. Alles andere laeuft, wie schon gesagt, ueber Spenden. Neben den Medikamenten in Notsituationen kann sich der Reisende vor der Fahrt ein tragbares Funkgeraet von der fliegenden Aerzten leihen und so im Notfall, sei es nur ein liegengebliebenes Auto, Hilfe anfordern. Es ist gut, dass es den Royal Flying Doctor Service gibt, aber auch mit dem Wissen im Hinterkopf moechte ich weiss Gott nicht im Outback leben.

Ein letzter Fakt ueber Broken Hill: Auch wenn die Stadt im Westen von New South Wales liegt, so gehoert sie doch schon zur zentralaustralischen Zeitzone, d.h. "hinkt" wie Adelaide der Ostkueste eine halbe Stunde hinterher. Dies ist auf keiner Zeitzonenkarte vermerkt, aber oekonomisch gesehen macht es wohl Sinn, da South Australia viel dichter ist als alle Zentren New South Wales'. Wer sich von Osten Broken Hill naehert, findet ein kleines Schild, dass die neue Zeitzone ankuendigt, und wer das nicht fuer voll nimmt, ist selbst Schuld. Voellig verwirrend wird es aber in der Stadt selbst, wo die Bahnhofsuhr die Ostkuestenzeit anzeigt, waehrend die Uhr des Postamtes die Zentralzeit angibt. Vorsicht also bei Verabredungen! Aber wie schon oft erwaehnt, wird mit der Zeit sowieso nicht so kleinlich umgegangen in Australien und wen wird da schon eine halbe Stunde kuemmern!

Bevor der Bericht zu lang wird, machen wir hier fuer heute Schluss und setzen mit der Fahrt nach Adelaide im neuen Jahr fort.

Frohes neues Jahr!
Roland


(c) Roland Göcke, 1999
Last modified: 30/12/99