wie immer zunächst eine Lektion aus unserem Sprachkurs "Australisch für Normalsterbliche". Ging es in den ersten beiden Folgen um einzelne Wörter, so schauen wir uns diesmal einen ganzen Satz an, um die Folgen der australischen Zusammenziehung und Verkürzung von Wörtern und Sätzen zu einem sprachlichen Einheitsbrei zu beobachten. So wurde neulich folgende Frage an mich gerichtet: "Djosmo?" Man ist versucht, das ins Reich der slawischen Sprachfamilie zu legen oder Esperanto zu vermuten oder gar zu glauben, Ohrenzeuge der Einführung des Interkosmo (wer Perry Rhodan je gelesen hat, weiß worum es geht) auf Erden geworden zu sein, doch weit gefehlt. Es heißt schlicht und einfach: "Do you smoke?" Die letzte Silbe wurde schlichtweg unterschlagen - Betrug! - und das ganze zusammengezogen. Ein anderes Beispiel, ich kaufte neulich eine Briefmarke für einen Brief nach Europa, Gewichtsklasse 20-50g, und sollte "wansen" bezahlen. Das "wan" für "one" steht, bekommt der geneigte Leser sicherlich schnell heraus, doch was ist mit "sen"? Man erste Vermutung, das ganze sollte "one cent" ergeben, ließ ich schnell fallen, denn so billig sind selbst hier die Briefe nicht, schon gar nicht per Luftpost ins ferne Europa! Nach einigen geistigen Salti landete ich dann bei "one seven", was auf den ersten Blick verwundert, aber es gibt ja so einige Länder mit "krummen" Portogebühren. Wie sich dann schnell herausstellte, lag ich damit aber immer noch daneben. Des Rätsels Lösung: "one seventy". Verblüffend, nicht wahr? Man kann natürlich die Taktik anwenden, einen genügend groß erscheinenden Geldschein über den Tresen zu reichen und zu warten, was man als Rückgeld bekommt, also die Methode des indirekten Beweises anwenden, nur weiß man dann nicht, ob man nicht besch... wurde.
Neben der umgangssprachlichen Wortgestaltung fallen einem auch immer wieder die Vornamen ins Auge. Nun erwartet keiner, der ins Ausland geht, daß er alle Vornamen kennt und man stellt sich da schon auf Überraschungen ein, siehe USA, wo selbst einzelne Buchstaben als Namen reichen. Australische Verhältnisse im Namensrecht liegen irgendwo zwischen denen Europas und Amerikas, d.h. man kann auch hier seinem Kind einen x-beliebigen Namen geben, solange man glaubhaft machen kann, daß er in einem anderen Land ein gebräuchlicher Name ist. Da Australien immer noch ein Einwandererland ist, tendieren die Eltern der 1. und 2. Generation sowieso noch sehr stark dazu, Namen aus der Heimat zu gebrauchen und einzelne Buchstaben als Vornamen hält man auch hier für Blödsinn. Nun aber mal zu den Namen selbst. Solch wohlklingende Namen wir Sana, Ribi, Zeb oder Rhys kann man sich noch leicht vorstellen. Schwieriger wird allerdings dann die Zuordnung zu einem Geschlecht allein vom Namen her. Das Frauen hier Jo heißen, mag man noch auf eine australien-typische Verkürzung des Namens zurückführen, doch was ist mit Jan? Das passierte mir, als ich im Hause nach einem Jan suchte und als Europäer davon ausging, einen männlichen Bewohner dieses Planeten suchen zu müssen. Tja, dicht daneben ist eben auch vorbei. Es war halt eine 50%-Chance...
Da ich gerade das Thema Bevölkerung angeschnitten habe. Hier unten "drängeln" sich nicht viel mehr Menschen (18 Mio) als in der verflossenen DDR auf einem Gebiet von der ungefähren Größe West-, Süd- und Mitteleuropas (d.h. von Portugal bis zur Ostgrenze Polens und von der deutsch-dänischen Grenze bis Italiens Südspitze). Natürlich sind die nicht alle gleichmäßig über den Kontinent verteilt, sondern leben größtenteils an den Küsten. Das Landesinnere ist mehr den Millionen von Rindern und Schafen vorbehalten, extensive Viehwirtschaft (na, Geographieunterricht 7.Klasse, was war das mal noch gleich?) im Outback. Der Rest ist Wüste. Nun zu dem, was viele Leser weit mehr interessieren wird: dem äußeren Erscheinungsbild der Australier. Wie ich schon mal erwähnte, herrschen hier im Prinzip mitteleuropäische Verhältnisse mit einem langsam aber sicher in den Hintergrund gedrängten britischen Einfluß und einer 20%-Chance, auf einen Einwohner asiatischen Ursprungs zu treffen. Von rothaarig bis blond, von brünett bis schwarzhaarig ist alles dabei, Langeweile kommt da nicht auf. Die Gewichtsverteilung der einzelnen Körperteile ist recht wohlproportioniert, ansonsten ebenfalls ähnlich dem zentraleuropäischen Niveau. Wahrscheinlich sieht man hier sogar weniger kräftig und sehr kräftig gebaute Leute als in Deutschland, was stark mit der gesunderen Ernährung zusammenhängt. Bier wird hier zwar auch getrunken, aber längst nicht soviel wie in Tschechien oder Deutschland und eßtechnisch vermeidet man weitestgehend alles fette, es sei denn es geht zum BBQ, aber da kann so ein bißchen Fett am Fleisch ja auch ganz nützlich sein. Durch das in vielen Teilen Australiens sonnenreiche Klima werden logischerweise leichte Klamotten bevorzugt, so daß da jeder gleich auf dem Fleischmarkt entscheiden kann, ob ihm die "Persönlichkeit" des anderen gefällt, aber wer achtet denn schon auf äußere Schönheit, wichtiger sind doch die inneren Werte... Klamottenmäßig sind die gleichen Marken in, wie in Europa oder den USA. Dazu kommen die Outdoor-Accessories (hach, welch ein schönes deutsches Wort!) der neuseeländischen Textilfirma Kathmandu, so etwas wie das Helly Hansen der Region. Wichtigstes Bekleidungsutensil ist jedoch die Sonnenbrille, die es hier in ausgesprochen modischen Formen und Farben gibt. Wer ohne einen solchen Augenschützer nach 9 Uhr durch die Gegend rennt, outet sich erstens gleich als Ausländer und zweitens wird er recht stark geblendet, entweder durch die kräftige Sonneneinstrahlung oder die Schönheit der Australierinnen.
Wer sich übrigens auf Grund all dieser Gegebenheiten entscheiden möchte, hier zu leben, der hat noch ca. 25 Jahre Zeit, das zu tun. Bis zum Jahre 2025 möchte man eine Bevölkerung von 23 Mio erreicht haben und die Zahl dann stabil halten. Besonders gesucht werden, wie überall auf der Welt derzeit, Ingenieure, Informatiker und weitere technisch ausgebildete Fachleute, aber auch in anderen Berufen sieht es nicht hoffnungslos aus. Es ist einfach so, daß viele Menschen der dritten großen Einwanderungswelle (nach dem 2.Weltkrieg) nun im Rentenalter sind und da braucht der Staat natürlich junge Arbeitskräfte, um das soziale Netz aufrecht halten zu können. Die erste Welle waren die Sträflinge der britischen Krone Ende des 18. / Anfang des 19.Jahrhunderts, die zweite Einwanderungswelle setzte ab Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ein, als man Gold in vielen Teilen Australiens fand, was viele Glücksritter hierherbrachte, da der Goldrausch in Kalifornien gerade zu Ende war. Was einen hier erwartet war vor wenigen Jahren noch ein Wohlfahrtsstaat europäischer Dimension, doch hat die konservative Regierung in den letzten Jahren einiges wieder auf ein ökonomisch vertretbares Maß zurückgeschnitten. Wem das irgendwie aus den heimatlichen Gefilden vertraut vorkommt, der wird sich hier schnell zurechtfinden und seine Freude am im Durchschnitt 5 Grad wärmeren Wetter haben. Das gilt für den Südosten des Landes. Man kann natürlich auch in den tropischen Norden oder die Wüste im Landesinneren ziehen und sich braten lassen.
Der australische Staat besteht derzeit aus 6 Staaten (New South Wales, Victoria, Queensland, South Australia, Western Australia und Tasmanien) und 2 Territorien (Northern Territory, Australian Capital Territory). Ich sage bewußt derzeit, da es immer wieder Bestrebungen gibt, die beiden letzten Territorien auch in Staaten umzuwandeln. Letzter Versuch, der übrigens scheiterte, fand parallel zur Bundeswahl im Oktober im Northern Territory statt. Ursprünglich wurden die Territorien gegründet, um eine Verwaltungseinheit für ein Gebiet zu haben, in dem zu wenig Menschen leben, um einen eigenen Bundesstaat daraus zu machen. Die Territorien erhalten dann ihr Geld direkt aus der Bundeskasse, was viele als sehr praktisch empfinden, da es keine Verwaltungsebene zwischen dem Bund und den Kommunen gibt, die doch nur Geld verschlingen würde. Wozu also ein eigener Bundesstaat werden, wenn man dann weniger Geld in der Kasse hätte? Im ACT hat man den Spaß zweimal versucht und jedesmal haben die Einwohner im Referendum ihr Nein deutlich zum Ausdruck gebracht, bis es der Bundesregierung zu bunt wurde und sie verfügt hat, daß das ACT, wenn es auch kein Staat ist, so doch eine eigene Regierung haben sollte. Da das ACT praktisch nur aus Canberra und einigen Nationalparkgebieten im Süden besteht, gibt es neben der Stadtverwaltung Canberras noch eine völlig sinnlose ACT-Regierung und -Verwaltung, die alle ständig um Kompetenzen rangeln. Das nennt man dann wohl ABM auf Bürokratenebene.
Es ist ja sogar bis Europa die Kunde gedrungen, daß es in Australien seit Anfang der 90er Jahre eine ziemlich rechte Partei gibt. Die Anfang der 60er Jahre von einer sozialdemokratischen Regierung verfügte Öffnung der bis dahin "weißen" Einwanderungsgesetze stößt nicht überall auf Gegenliebe und besonders in Queensland, dem eine gewisse Sturköpfigkeit nachgesagt wird, hält man noch einiges von rassischer Trennung. Dort hat "Pauline Hanson's One Nation" ihre Hochburg. Wie der Name schon vermuten läßt, wurde die Partei von einer Frau namens Pauline Hanson gegründet und sie ist die Zentral- und Leitfigur, ohne die nichts läuft. Wer die Frau je gesehen hat, fragt sich wie man so jemanden überhaupt wählen kann, doch halt, ich urteile schon wieder nach Äußerlichkeiten und nicht nach Werten, doch sind letztere auch nicht überzeugender. Im abgelaufenen Wahlkampf warb dann auch einer der Spitzenpolitiker dieser Partei damit, daß die Aboriginals in der Kolonialzeit ein besseres Leben gehabt hätten als heute. Damals waren die meisten der 50000 Aboriginals den Farmen zugeordnet worden, wo sie außer Nahrung und Kleidung nichts bekamen. Somit hätten sie damals auch kein Geld für Alkohol gehabt und es hätte folglich nicht so viele sozial verarmte Aboriginals gegeben. Ebenfalls wären die Aboriginals bis zur Kolonialisierung noch Kannibalen gewesen und erst das britische Empire hätte ihnen so etwas wie Kultur beigebracht. Fragt sich nur, was "britische" Kultur ist... Ich schätze mal, man hätte da auf Seiten der australischen Ureinwohner darauf verzichten können. Die Frage des Kannibalismus wird aber noch vor Gericht ausgewertet werden, da man dem Politiker Volksverhetzung vorwirft. Bei dem Namen "One Nation" könnte man natürlich leicht vermuten, daß eine einheitliche Nation aller Menschen egal welcher Herkunft angestrebt würde, doch meint es, daß es auf australischem Boden nur eine "wahre" Nation gäbe. Die Stärke der Partei liegt in Queensland und im ländlichen Bereich so bei 5-15%, ansonsten darunter. Die Aussöhnung mit den Aboriginals ist aber für jede Regierung noch ein wichtiges Thema in der Zukunft.
Die Queensländer sind im Rest Australiens als ziemlich Rednecks verschrien, also eher konservativ in ihrer Grundhaltung. So hält man dort oben auch die Einführung der Sommerzeit in den anderen Staaten für ein Verschwörung der Bundesregierung und der anderen Bundesstaaten, die die Kühe der Queensländer durcheinanderbringen soll, so daß sie weniger Milch und Fleisch liefern als die der Konkurrenten im Restaustraliens. Davon mal abgesehen liegen aber die berühmtesten Strände in Queensland und auch zum Great Barrier Reef ist es nicht weit. Wer nach Queensland oder allgemein in den Norden will, sollte im australischen Winter fahren, da dann Trockenzeit ist. In der Regenzeit ist teilweise kein Durchkommen möglich.
Genug der Politik, wenden wir uns dem Sport zu. Der Australier ist absolut sportverrückt, an Sportarten wird so ziemlich alles betrieben, was es so gibt. Sind im Winter (Mai-September) Australian Football und Rugby die Favoriten, so sind es im Sommer Fußball und Surfen (Wellenreiten). Ende August fanden eine Woche vor den Parlamentswahlen an einem Wochenende sowohl das Endspiel im Australian Football als auch im Rugby statt, was natürlich weitaus wichtiger war als der Wahlkampf. Tagelang wurde vorher schon über jede Mannschaft berichtet, jeder einzelne Gang eines Spielers zur Toilette minutiös widergegeben, jedes Fallenlassen oder Nichtfangen des Balls als schlechtes Omen für das Finale gewertet. Die Regeln des Australian Football habe ich schon im ersten Bericht erwähnt: Es gibt fast keine. Man sollte es nicht glauben, aber zu diesem Ereignis kamen über 95000 Zuschauer im altehrwürdigen Olympiastadion zu Melbourne zusammen. Gespielt werden 4 x 15 Minuten, die Spielfläche ist ein rundes Kricketfeld, an 2 Seiten befinden sich 4 senkrechte Stangen als Tore, eine Latte im fußballerischen Sinn gibt es nicht. Trifft man zwischen die mittleren Stangen, so gibt es 6 Punkte, trifft man zwischen einer äußeren Stange und einer mittleren, so gibt es immerhin noch einen Punkt. Der Grundsatz, dicht daneben ist auch vorbei, gilt hierbei also nur eingeschränkt. Der Ball darf nach vorne nur mit der Faust geschlagen oder mit dem Fuß geschossen werden. Fängt man das Football-Ei nach einem Fußkick, so erhält man an der Stelle eine Art Freistoß, wobei man entweder gleich auf's Tor zielt oder versucht, einen Paß zu spielen, so daß der nächste sich versuchen darf. Australian Football, auch schlicht Aussie-Rules genannt, wurden in Victoria erfunden, so daß die meisten der Zuschauer natürlich für North Melbourne Partei nahmen. Man wollte auf jeden Fall verhindern, das Siegeslied der Adelaide Crows wieder wie in den letzten beiden Jahren in den Straßen hören zu müssen. Es fing auch gut an für Melbourne, man führte zur Halbzeit mit 52:26 und ich als nichts vom Spiel verstehender Europäer hatte das schon abgehakt, aber denkste! Die letzten beiden Viertel wurden knallhart von Adelaide dominiert, die dann noch mit 108:76 siegten. Wer hätte das gedacht! Das Spiel ist sehr rasant, es geht ständig den Platz rauf und runter, was wir als Foulspiel ansehen würden, ist normal und die Massen sind schnell in einem erregten Zustand, so daß es da auch schon mal zu Nachstellungen der Szenen auf dem Spielfeld kommen kann. Diesmal blieb aber alles friedlich. Interessant übrigens auch, daß die Trainer nicht auf der Reservebank Platz nehmen dürfen, sondern sich das Spiel aus einer Zuschauerloge auf der Tribüne anschauen müssen, also nichts mit Coaching zwischendurch, wie das so schön auf Neudeutsch heißt!
Neben dem Football ist Rugby der zweite große Wintersport. Er wurde jahrzehntelang bevorzugt in Sydney und New South Wales gespielt, wo man sehr stolz ist auf seine britischen Vorfahren, selbst wenn die meisten Sträflinge waren. Außerdem ist man der 'First State' und so etwas verpflichtet. Demzufolge fand das Endspiel in Sydney statt. Dieses Jahr noch im alten Rugbystadion vor 70000 Zuschauern, im nächsten Jahr dann schon im neuen Olympiastadion, wo man hofft, mit 110000 Zuschauern einen neuen Weltrekord für Rugby-Spiele aufzustellen. Die Situation beim Rugby ist der beim Football sehr ähnlich. Die traditionsreichen Vereine aus New South Wales haben immer mehr Schwierigkeiten mit den Emporkömmlingen der anderen Staaten mitzuhalten, seitdem das Fernsehen wie bei den Aussie-Rules einen ganzaustralischen Sport daraus gemacht hat. So gewannen wieder die Brisbane Broncos und Canterbury (Vorort von Sydney) schaute in die Röhre. Sowohl in Sydney als auch in Melbourne wurde vorher und erst recht hinterher trotzdem auf den Straßen gefeiert. Man verbindet solche Ereignisse immer mit einer Art Karneval.
Ich dachte im September schon, die höchsten Weihen des australischen Fußballs, der hier Soccer heißt, erlebt zu haben. Da fand in Canberra nämlich das ACT Grand Final zwischen Belconnen United und Canberra Olympic vor ca. 2000 Zuschauern statt. Das ist so eine Art Landespokalfinale mit dem Niveau einer Bezirksliga, wenn man mal von wenigen talentierten Ausnahmen absieht. Doch oha, es geht noch eine Ebene höher! Seit Oktober spielt die Australian Soccer League mit 12 Mannschaften und da gibt es immerhin ein Halbprofitum (Vertragsamateure). Das Niveau könnte mit der deutschen Regionalliga durchaus mithalten. Derzeitiger Spitzenreiter ist Perth. Es gibt auch ein Team in Canberra namens Canberra Cosmos. Man hat allerdings die ersten 6 Spiele allesamt vergeigt, zum Glück kann man nicht absteigen, da es darunter keine Profiliga gibt. Kommentar der lokalen Presse zum ersten Heimspiel: "2500 Zuschauern kamen ins Bruce Stadium, um zu sehen, ob diese Saison anders verlaufen würde als die letzten. Was sie sahen, gab zu dieser Vermutung keinen Anlaß, so daß die ersten Zuschauer bereits wieder zur Halbzeitpause gingen." Ich dachte ja erst, daß Hansas Schwächephase mit dem nicht verkrafteten Weggang meiner Wenigkeit zusammenhing, doch scheint meine Anwesenheit Cosmos auch nicht gerade Flügel zu verleihen... Spitzenreiter beim Fußball ist derzeit Perth, wo sogar regelmäßig um die 15000 Zuschauer ins Stadion ziehen und das will hier schon etwas heißen!
Besser stellen sich da die Canberra Canons, das lokale Basketballteam. Die spielen durchaus ansehnliche Spiele und haben ein gutes Niveau, zumindest sportlich, denn finanziell stehen sie mit 1,5 Mio $ in der Kreide und damit kurz vor dem Aus. Sie spielen in der Halle auf dem AIS, das ist das Australian Institute of Sports, die Kaderschmiede Australiens. Nachdem man in den 70er Jahren nicht sonderlich erfolgreich von einigen Olympiaden zurückgekehrt war, entschloß man sich, etwas dagegen zu tun. So schaute man sich in der Welt um, wo es gute Sportförderungssysteme gab und fand das DDR-Modell gar nicht mal so dumm. Daher kopierte man vieles, baute ein großes Leistungssportzentrum für die wichtigsten Sportarten auf und trainierte seine Athleten in konzentrierter Form, was auch bald Erfolge brachte. Das AIS ist so ein Mittelding zwischen DHfK in Leipzig, Sportschule Kienbaum und der FES in Berlin, d.h. man forscht hier auch an Optimierungen der Sportgeräte und des Trainingsplans. Nach der Wiedervereinigung dachte man sich, schnappen wir uns auch ein paar Trainer aus der Zone, doch die aufkommende Diskussion um die Dopingpraktiken in der DDR nötigten die meisten Trainer zur Aufgabe. Dabei ist man in der Dopingdiskussion übrigens genauso scheinheilig wie überall. Solange es um ausländische Sportler geht, ist man groß dabei, mit dem Finger auf sie zu zeigen, geht es aber um die eigenen Athleten, stimmt das alles nicht. So erklärte der Australische Radsportverband zum Beispiel, daß man im Falle Neil Stevens vom Festina-Radsportteam, der in Frankreich die Einnahme von Dopingmitteln zugab, nicht handelen könnte, da man keinerlei Beweise in Australien hätte.
Wo ich gerade beim Radsport bin, im Oktober fand auch die Australien- Rundfahrt statt. Dabei ging es in 10 Tagen über sage und schreibe 1088km, also wahrlich eines der härtesten Rennen dieser Welt. Ich habe mich immer gefragt, ob die europäischen Radsportler überhaupt warm geworden sind, bevor sie auch schon im Ziel ankamen, aber wahrscheinlich war das bei 25 C nicht so schwer. Die Tour endet seit Jahren in Canberra, diesmal mit einem Einzelzeitfahren über unglaubliche 13km am Morgen und einem Kriterium durch die Innenstadt am Nachmittag. Bekanntester deutscher Starter war sicherlich Steffen Weesemann, den das Team Telekom an das Bosch-Team ausgeliehen hatte, da er bei der Spanien-Rundfahrt erkrankt war. Die Deutschen waren eigentlich so etwas wie die Seriensieger der letzten Jahre, so hat u.a. unser aller Jan Ullrich die Tour 1993 gewonnen und im Jahr darauf Jens Voigt, doch verpennte man diesmal die 2.Etappe und danach war nicht mehr viel zu holen außer ein paar Tageserfolgen. Steffen Weesemann schien sich auch nicht sonderlich auf dem Rad anzustrengen, sondern war mehr mit dem Verkauf von Telekomutensilien beschäftigt. Ich vermute mal, daß ich mit der Einschätzung, daß er da einige Prozente von abbekommt, recht habe. Immerhin schien er wenigstens dabei recht erfolgreich zu sein. Ansonsten hatte er schon vorher verlauten lassen, daß er hauptsächlich nach Australien gekommen war, um mal ein Känguruh (lebendig) zu sehen, was dann wohl auch klappte. Wenn man daneben noch ein bißchen Geld auf dem Rad verdienen kann, um so besser. Was die Professionalität bei der Rennorganisation anbelangt, wird man sich wohl auch noch steigern müssen. So endete eine Etappe vor einem Einkaufzentrum. Das an sich stellt nun noch kein Problem da, doch hatte die Straße auf den letzten 200m vor dem Ziel vier Speedramps, die eigentlich dazu gedacht waren, die Autos zum langsamer fahren zu animieren, aber nun zogen die Sprinter einen Massensprint mit Tempo 60 über die Dinger an. Wie der geneigte Leser sich leicht vorstellen kann, stieß diese geschickte Wahl des Terrains nicht auf ungeteilte Gegenliebe unter den Sportlern.
Wichtigster Sommersport schlechthin ist selbstverständlich Kricket. Wer die Zeit und das Geld hat, kann sich da ein (!) Spiel über 5 Tage anschauen, von dem man auch noch recht wenig versteht. Sobald ich hinter die Regeln gestiegen bin, werde ich davon berichten, vorerst lasse ich das. Interessant sind abere immer wieder die Kommentare im Fernsehen, wie "Nach dem Lunch passierte das und das..." oder "Noch vor dem Afternoon Tea war der und der out...".
Völlig unabhängig von den Jahreszeiten ist die Vorliebe für Pferderennen. Australien ist wohl das Land mit den meisten Rennen pro Kopf. Und dabei wird gewettet, was das Zeug hält. Glücksspiel und Wetten sind hier sowieso völlig legal. Das wichtigste Pferderennen fand vor wenigen Wochen statt: Der Melbourne-Cup! 24 Pferde starteten, wobei sich die 17 australischen Pferde vorher qualifizieren mußten, während die ausländischen Pferde vom Veranstalter zugelassen wurden. Das führte dazu, das sehr große Zweifel an der Fitness eines Pferdes aus England aufkam, das dann trotzdem starten durfte, obwohl ein qualifiziertes australisches Pferd bereitstand. Mittleres Erdbeben! Der Melbourne-Cup-Day ist in Victoria allgemeiner Feiertag, da sowieso ca. 100000 Leute zur Rennbahn ziehen und da kann man dann auch gleich für alle frei machen, in den anderen Bundesstaaten gibt man vor, wenigstens bis mittags zu arbeiten, bevor man sich mit Freunden oder Kollegen zur Melbourne-Cup-Party trifft. Das ist dann gewöhnlich ein BBQ, was könnte es anderes sein in Australien. Stilecht trinkt man dazu Champagner und die Damen tragen einen ziemlich schrägen Hut, ganz wie in Ascot. Und dann wird natürlich gewettet. Da viele Leute genauso viel vom Pferderennen verstehen wie ich, werden dann die Pferde zugelost, so daß man sich keine Sorgen machen muß um die Auswahl des richtigen Pferdes. Das Rennen über 2 Meilen ist in weniger als 3 Minuten beendet, so daß man aufpassen muß, es nicht zu verpassen. Mein Gaul hat dann nur den 6.Platz gemacht, wofür es nichts gab, so daß ich finanziell leider nicht von dieser Veranstaltung profitiert habe. Insgesamt wurden in Australiens nur auf dieses eine Rennen 200 Mio $ gewettet, was bei 18 Mio Einwohnern rein statistisch einen durchschnittlichen Wetteinsatz von mehr als 10 $ ergibt. Nebenbei wird dann aber nochmal die selbe Summe im privaten Kreis verzockt. Gewinne sind natürlich im ersten Jahr steuerfrei.
Wo ich gerade beim Zocken bin, einer der beiden reichsten Männer Australiens, Kerry Packer, Besitzer des Casinos in Sydney, ehemals selbst Spieler und noch heute einem Spielchen nie abgeneigt, hat es geschafft, auf seinen Betriebsgewinn von rund 250 Mio $ im letzten Jahr nur 30 $ (in Worten dreißig) Steuern zu zahlen! Dafür mußte er zwar bis zum Obersten Gerichtshof gehen, aber ich denke, es hat sich gelohnt. Er hat legale Steuerschlupflöcher ausgenutzt, was dem Staat und den einfachen Menschen ziemlich sauer aufstieß. Die Methode: Man gründe eine Briefkastenfirma auf den Cayman-Inseln. Dieser gehört die australische Firma. Nun richte man es so ein, daß die Briefkastenfirma der australischen Firma angeblich eine Riesensumme Geld leiht und die australische Firma sämtliche Gewinne an die Mutterfirma abführt, um die Schulden zu tilgen. Die australische Firma braucht dann keine Steuern auf ihren Gewinn zu zahlen. Ursprünglich war das gedacht, ausländische Investitionen ins Land zu locken, aber wie man sieht, kann man das auch anderweitig nutzen. Der andere Reiche ist übrigens Medienmogul Rupert Murdoch.
Da ich soviel von Melbourne berichtet habe, hier noch ein kleine Anekdote, sozusagen ein Anekdötchen. 2 Tage vor dem Australian Football Grand Final in Melbourne kommt es zu einer starken Explosion in einem Gaswerk in Victoria. Mal ganz davon abgesehen, daß bei dem tragischen Unglück 2 Arbeiter pulverisiert wurden, hatte das äußerst verheerende Auswirkungen, denn, man höre und staune, dies war das einzige Gaswerk in ganz Victoria! Um einen besseren Eindruck von den Dimensionen zu bekommen: Victoria ist in etwa so groß wie das Gebiet der alten Bundesländer, auch wenn man nur 5,5 Mio Einwohner hat. Ein gesamtaustralisches Netz gibt es weder für Gas noch für Strom und selbst die Eisenbahnschienen waren jahrzehntelang verschieden breit! Immerhin gibt es seit diesem Winter (Juni) eine Minigasleitung zwischen New South Wales und Victoria, doch reichte deren Kapazität noch nicht mal aus, die Krankenhäuser notzuversorgen. Dummerweise hängt in Australien sehr viel vom Erdgas ab. Innerhalb von 2 Tagen gab es kein Kochen mit dem Gasherd mehr, kein Warmwasser zum Duschen, wenn die Warmwasserversorgung mit Gas funktioniert (tut sie hier in 97% der Fälle), keine Heizung mehr, was bei Nachttemperaturen um 2 C auch nicht so witzig war usw. Was viel wichtiger ist, Melbourne war voll mit Gästen zum Endspiel und die Restaurants und Frittenbuden mußten schließen, da sie kein Gas zum Kochen hatten! Noch schlimmer betroffen war die Industrie, viele Werke mußten schließen und die Leute wurden erstmal entlassen. Nach 2 Wochen hatte man dann eine Notversorgung im Gaswerk gebastelt und nach einer weiteren Woche gab es auch wieder Gas an die privaten Haushalte. Ursache des ganzen war wohl eine eingefrorene Erdgaspipeline unter der Bass Strait zwischen Tasmanien und dem Festland, wo das meiste australische Erdgas gefördert wird. Aufgeschreckt durch diese Ereignisse überlegt man nun aber doch die Einführung eines gesamtaustralischen Netzes für Strom und Gas. Immerhin gibt es das schon für das Telefon!
Und noch ein Bonmot zum Abschied: Es gibt in Canberra und damit im gesamten ACT keinen Knast! Selbstverständlich gibt es ein paar Zellen in einem Untersuchungshaftgefängnis, aber eine richtige Haftanstalt sucht man hier vergeblich. Bisher wurden die Verurteilten nach New South Wales geschickt, doch die drängen in letzter Zeit immer stärker darauf, daß man doch bitte schön in der Hauptstadt auch mal einen Knast bauen möge und so möge es nun geschehen.
Noch etwas Poesie zum Ende des Berichts:
I look in vain for traces of the fresh and fair and sweet, in sallow sunken faces that are drifting through the street. Drifting on, drifting on, to the crape of restless feet. I can sorrow for the owners of the faces in the street. (Henry Lawson)
C ya mates
Roland